Viertelfinale im Hessenpokal: Das S-Bahn-Derby

Frankfurt und Wiesbaden liegen 40 Kilometer auseinander. Für ein Pétanque-Duell ist das keine Entfernung. Man steigt in die S-Bahn, fährt am Flughafen vorbei, und schon ist man beim Gegner. Viel näher kommt man einem Auswärtsspiel kaum. Im Viertelfinale des Hessenpokals bekommt diese Nachbarschaft nun einen besonderen Reiz: Der 1. Frankfurter Pétanque Club, Bundesligist, empfängt La Boule Joyeuse Wiesbaden, den amtierenden Pokalsieger und Titelverteidiger.

Es ist ein Derby ohne große geografische Trennschärfe, aber mit beträchtlichem sportlichem Gewicht.

Wiesbaden kommt nicht als Titelverteidiger, der seinen Pokal lediglich verteidigen möchte. Die Mannschaft hat in diesem Jahr die Hessenmeisterschaft gewonnen und damit die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur Deutschen Pétanque-Bundesliga gesichert. Nach dem Abstieg aus dem Oberhaus im vergangenen Jahr ist der Weg zurück bereits vorgezeichnet. Der Hessenpokal liegt gewissermaßen auf dieser Strecke.

Für Frankfurt verhält es sich anders. Der FPC ist inzwischen selbst Bundesligist und hat damit jene Etage erreicht, die Wiesbaden wieder erklimmen möchte. Im Pokal treffen deshalb zwei Mannschaften aufeinander, deren Saisonziele sich überschneiden, deren Ausgangslage aber unterschiedlicher kaum sein könnte.

Der Titelverteidiger

LBJ Wiesbaden ist im Hessenpokal kein unbeschriebenes Blatt. Fünfmal hat der Verein den Wettbewerb gewonnen, zuletzt 2025. Das Finale gegen den BC Cassel endete 16:15 – ein Ergebnis, das eher an einen Kriminalfall als an einen Pokalsieg erinnert. Die Wiesbadener wissen also, wie man einen engen Pokalabend übersteht.

Auch die jüngere Vereinsgeschichte erzählt von bemerkenswerter Beharrlichkeit. LBJ war mehrfach Hessenmeister, spielte Bundesliga und hat sich nach dem Abstieg nicht lange mit der zweiten Reihe begnügt. 2026 folgte die Rückkehr an die Spitze des hessischen Ligabetriebs.

Nun steht die Aufstiegsrunde zur Bundesliga bevor. Ein Viertelfinale gegen einen aktuellen Bundesligisten kommt da zur rechten Zeit.

Denn gegen Frankfurt lässt sich überprüfen, wie viel der eigene Anspruch tatsächlich wert ist.

Ein Test, der keiner sein will

Natürlich wird niemand vor dem ersten Wurf von einem „Test“ sprechen. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Ein Viertelfinale ist ein Viertelfinale, und der Weg ins Halbfinale führt nicht über Prognosen, sondern über gewonnene Partien.

Trotzdem besitzt diese Begegnung einen Charakter, den gewöhnliche Pokalspiele nicht haben.

Frankfurt bekommt es mit einer Mannschaft zu tun, die den Aufstieg will. Wiesbaden trifft auf eine Mannschaft, die bereits dort spielt. Das macht den Pokalabend zu einer Art Standortbestimmung auf Umwegen.

Der FPC kann zeigen, dass Bundesliga-Niveau nicht nur gegen die bekannten Namen des deutschen Pétanque existiert, sondern auch im regionalen Duell. Wiesbaden kann zeigen, dass der eigene Anspruch auf die Rückkehr ins Oberhaus berechtigt ist.

Und dann gibt es noch die Spieler.

Weise, Birk, Bischoff

Wer die Wiesbadener Mannschaft kennt, weiß, dass Erfahrung dort keine dekorative Zugabe ist. Peter Weise gehört seit Jahrzehnten zur hessischen Pétanque-Szene und hat mit deutschen Meistertiteln, internationalen Medaillen und zahlreichen Erfolgen auf Landesebene eine Vita, die weit über den Verein hinausweist.

2026 gewann Weise gemeinsam mit Christian Birk und Lisa Bischoff die Hessische Meisterschaft im Triplette. Das ist mehr als eine schöne Momentaufnahme. Das Trio verbindet die Erfahrung eines Spielers wie Weise mit einer Generation, die inzwischen selbst auf nationaler Ebene Spuren hinterlassen hat.

Birk, Bischoff und Weise standen 2024 bei der Deutschen Meisterschaft im Triplette im Halbfinale und gewannen Bronze. Bischoff gehörte auch 2025 bei der Deutschen Meisterschaft zu den besten hessischen Spielerinnen.

Frankfurt wird also nicht gegen einen Verein antreten, der erst noch herausfinden muss, wie man auf diesem Niveau Boule spielt.

Das kleine Derby

Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz dieses Viertelfinales. Es geht nicht um die große Entfernung zwischen zwei Vereinen, sondern um deren Nähe.

Frankfurt und Wiesbaden kennen sich. Man begegnet sich auf Turnieren, in der Liga, bei Meisterschaften. Spieler kennen Spieler. Man weiß ungefähr, was den anderen erwartet. Überraschungen sind deshalb weniger eine Frage des Wissens als der Ausführung.

Der Hessenpokal macht daraus nun ein K.-o.-Spiel.

Der Bundesligist kommt zum Titelverteidiger. Der Nachbar zum Hessenmeister. Und beide wissen, dass der jeweils andere nicht nur wegen der kurzen Anreise unangenehm sein dürfte.

Man könnte das Ganze deshalb ein S-Bahn-Duell nennen. Das klingt zunächst beinahe zu prosaisch für einen sportlichen Wettkampf.

Aber vielleicht trifft es die Sache ziemlich genau.

Denn am Ende geht es auf der Strecke zwischen Frankfurt und Wiesbaden nicht um die Fahrzeit. Es geht darum, wer am Abend den längeren Atem hat – und wer auf dem Weg ins Halbfinale sitzen bleibt.

Viertelfinale im Hessenpokal: Das S-Bahn-Derby
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